Am Gehsteig

Sie hat zerbrechliche, eher ungeschickt und fahrig wirkende Hände. Insofern erstaunt es mich, wie geschickt sie in der Kälte und mit einer einzigen, fließenden Bewegung das Zellophan von der Zigarettenpackung entfernt. Sie steckt sich eine Zigarette an und ihre Augen, glaube ich im fahlen Licht der Straßenbeleuchtung zu erkennen, sind groß und schön, oder auch nur stark geschminkt. Sie steht da und raucht, so scheint es zumindest, nicht wie ich nur um eine außer Kontrolle geratene Sucht zu befriedigen. Man hat, wenn sie so das Kinn nach oben reckt und den Rauch gen Himmel bläst, vielmehr den Eindruck, dass sie nur einem diffusen Unwillen via Rauchzeichen Luft machen will. Ich nehme einen tiefen Zug und höre mich „Ich rauche eigentlich gar nicht mehr“ sagen. Sie schaut mich kaum an, murmelt etwas, reiht scheinbar wahllos ein paar Zischlaute aneinander. Ihr rechtes Auge ist ein wenig geschwollen. Der rote Abdruck an ihrem Zigarettenfilter ist kein Lippenstift, sondern Blut. Dann geht sie, schnippt davor noch den Zigarettenstummel halbherzig in meine Richtung. Sie hinkt ein wenig und ich schau ihr nach, sehe wie sie nach gut zehn Metern, noch einmal kurz stehen bleibt, um sich eine weitere Zigarette anzustecken. Und sie braucht, nach Hause humpelnd, fast die ganze Gehsteigbreite. Die man ihr ohnehin ganz zur Verfügung gestellt hat. Die ihr um diese Uhrzeit ohnehin ganz gehört.

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